Dünen-Sandlaufkäfer (Cicindela hybrida)

In Oldenburg wurde auf dem Gelände eines stillgelegten Rangierbahnhofs ein Naturschutzgebiet eingerichtet. Untergrund des ehemaligen Bahngeländes ist ein 5 Meter mächtiger Sandkörper. Dieser wurde nach Stilllegung des Bahnhofs freigelegt, so dass sich im Laufe der Zeit ein Sand-Magerrasen ausgebreiten konnte. 

Man findet dort unter anderem die Ödlandschrecke und den Dünen- Sandlaufkäfer. Es versteht sich von selbst, dass Fotos nur von den ausgewiesenen Wegen gemacht werden dürfen - obwohl die Verlockung groß ist, einfach mal ein paar Meter in das geschützte Gelände hineinzugehen, um dichter an die Objekte der Begierde heranzukommen oder eine bessere Perspektive zu suchen. Läuft aber nicht. Deshalb: Wenn der Käfer nicht zu einem kommt, muss man wohl oder übel croppen - das habe ich bei diesem Bild auch ordentlich gemacht.

Ingo

P.S.: Das ursprünglich zweite Bild habe ich gelöscht, aber noch ein paar weitere angehängt ...

Kommentare

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ADMIN

Geniale Anpassung!

Hallo Ingo,

Euer ehemaliges Bahnhofsgelände klingt nach einem seeeehr interessanten Lebensraum – wenn auch aus Menschenhand entstanden. Das trifft aber leider heutzutage auf sehr viele naturschutzrelevanten Flächen zu. Ur-Natur gibt´s bei uns so gut wie nicht mehr.

Du hast oben in Deinem Bild eine total spektakuläre Verhaltensweise des Dünen-Sandlaufkäfers (Cicindela hybridae) auf den Sensor gebannt – auch, wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht. Das ist sowas von mega-interessant, dass ich es hier erzählen muss :-).

Nicht nur der Käfer ist der Hammer. Auch seine Larve ist total faszinierend in Körperbau und Anpassung. Beide leben räuberisch, fangen alles an Kleintieren, was sie überwältigen können – und das in einem extrem heißen, teilweise lebensfeindlichen Lebensraum. Aber der Reihe nach:

Anpassung ohne Ende!

Der Käfer:

Die adulten Käfer leben – wie bereits erwähnt – räuberisch, vor allem von Ameisen. In den heißen Sommermonaten heizt sich der Sandboden bei voller Sonneneinstrahlung so stark auf, dass während des höchsten Sonnenstandes zur Mittagszeit die meisten Insekten in den kühlen Schatten ausweichen müssen, um keine Hitzeschäden durch plötzliches Ausflocken der Eiweißverbindungen im Körper zu erleiden. Nur die Ameisen sind aufgrund ihres Rundum-Chitinpanzers besser geschützt und können meistens noch etwas länger umherlaufen.

Nun kann jedoch der Dünen-Sandlaufkäfer auf diese Situation reagieren. Wenn es zur Mittagszeit auf der Sandbodenoberfläche so richtig heiß wird, stellt er sich auf seine Zehenspitzen und hält mit seinen ausgestreckten langen Beinen unter seinem Körper eine Luftglocke fest. Da der Käfer gleichzeitig diese Luftblase mit seinem eigenen Körper beschattet, sinkt deren Temperatur um bis zu fünf Grad Celsius gegenüber der Umgebungstemperatur. Auf seiner Körperoberfläche ist der Käfer gegen die hohe Mittagshitze durch seine Chitin-Flügeldeckel und die darunter liegenden Flügel gut geschützt. Seine Bauchseite hingegen ist relativ ungeschützt, sie ist seine empfindlichste Körperstelle. Durch die Luftabkühlung in der Luftglocke kann nun der Sandlaufkäfer "fünf Grad Celsius" länger nach Ameisen jagen. Er hat somit also einen Konkurrenzvorteil gegenüber anderen jagenden Insekten, die das Revier früher verlassen müssen, um Schutz vor der großen Hitze zu suchen - eine faszinierende Anpassung an einen Extremlebensraum!

Genau diesen "Hochstand" des Käfers, also das Stehen auf den Zehenspitzen, um eine kühlende Luftglocke unter seinem Körper festzuhalten, hast Du auf Deinem ersten Foto fotografiert. Das ist sowas von krass!

Die Larve

Mindestens genauso krass ist seine Anpassung an diesen heißen Sandlebensraum während seiner Jugendzeit, also als Larve. Aber das hier genau zu beschreiben, würde ein wenig den Rahmen von Makrotreff sprengen. Außerdem habe ich das alles in der Bildreportage Perfekte Anpassung – Der Sandlaufkäfer (Cicindela hybrida) schon einmal geschrieben. Mann kann dort also alles lesen und anschauen.

Du hast zwar mit Bild 1 oben einen starken Ausschnitt eingestellt – was wir hier bei Makrotreff ja bekannterweise in der Regel nicht wollen –, aber erstens gibt es hierfür sehr plausible und gute Gründe (Du hast sie oben geschildert). Zweitens ist der Ausschnitt hinsichtlich Perspektive, Schärfe und Licht sehr gut. Und drittens, und das ist für meine folgende Entscheidung das Wesentliche, hast Du eben ein Foto mit einer hochinteressanten Geschichte fotografiert. Aus diesem Grund

GRATULATION zu diesem TOP-Foto – mit TOP-Geschichte!

In diesem Sinne weiterhin "Gut Licht"

Roland

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MOD

Hallo Ingo,

ich gratuliere zum verdienten Top-Foto. Das ist ja mal ein cooler Bursche.Und Dank an Roland für die tollen, interessanten Informationen zum  tierischen Verhalten. Wieder was gelernt. :-)

Liebe Grüße

Gabi

Profile picture for user Ingo Heymer
Makronist

Moin Roland,

ich hatte den Dünensandlaufkäfer in der Vergangenheit schon ein wenig beobachtet, den "Zehenspitzengang" fand ich daher ungewöhnlich. Aber die Erklärung für  dieses Wunder der Anpassung ist wirklich unglaublich! 

Der Käfer hat seine Kiefernzangen nicht zum Spass. Wir können froh sein, dass er nicht so groß ist wie wir, sonst hätten wir ein echtes Problem. Dazu habe ich oben noch ein paar Bilder angehängt...

Danke Roland - und Gabi: "Immerhin" habe ich den Zehenspitzengang fotografiert (Doppelgrins)

Schönen Abend

Ingo

 

Profile picture for user Rob
Makronist

Hallo Ingo,

ich gratuliere auch zum Top Foto! Wirklich cool, dass du den Lebensraum so sehr respektierst. Das würden viele wohl nicht machen...

Und das sind ja mal wieder tolle biologische Zusatzinformationen. " Eine beschattete Luftblase" ist echt eine ausgefuchste Strategie ;-) Noch nie davon gehört. Danke Roland! Die Begeisterung ist zu spüren ... und nur wer selber brennt kann andere entfachen.

Sonnige Grüße

Rob

Profile picture for user IngaEdel
Makronist

Hallo Ingo,

gratuliere zum diesem exzellenten Bild. Das ist wirklich eine furchteinfloesende Kampfmaschine! Angeregt durch dein Bild konnte ich in der Oberlausitz dieser Tage ebenfalls einige beobachten. Sie können nicht nur schnell laufen sondern auf flink fliegen. Und Rolands Hintergrundwissen runden das tolle Tier noch ab. Die Behaarung an der Unterseite ist bemerkenswert. Schützt die vor Verbrennungen?

Liebe Grüße

Inga

Profile picture for user Roland
ADMIN

Hallo Inga,

die Haare halten die kühlere Luft in der Luftglocke fest. Dieses Prinzip findet man auch als Verdunstungsschutz bei Blättern verschiedener Pflanzen: Wollige Behaarung auf der Blattfläche beruhigt die Luftbewegung unmittelbar auf diesen Blättern und reduziert damit die Verdunstungsintensität. Das ist in etwa der gegenteilige Effekt des schnelleren Trocknens von Wäsche auf der Wäscheleine bei starkem Wind.

Liebe Grüße

Roland

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Makronist

Hallo Inga,

das Schönste, was ein (Natur-)Bild erreichen kann, ist Interesse. Ich freue mich wirklich sehr, dass du angeregt wurdest, sie zu beobachten. Denn die Beobachtung des Tieres und seines Verhaltens führt zu "Wert"schätzung (eigentlich in der heutigen Zeit ein zweifelhaftes Wort, dachte ich gerade).  

Den ersten Kontakt mit Laufkäfern hatte ich vor zwei Jahren im Fintlandsmoor bei uns in der Nähe. Da war es aber der Feld-Sandlaufkäfer. Durch den Hitzesommer war im Moor am Rande einer Wasserfläche ein mehrere Meter breiter "Torfstrand" entstanden, da trieb er sich rum und mich zum Wahnsinn. Denn wie du es beschreibst: Er ist ein sehr schneller Käfer und wenn man sich endlich dicht rangerobbt hat, fliegt er gerne weg (normalerweise kurz vor Auslösen :) ). Folge bei mir: Nach zahlreichen Versuchen hatte ich am nächsten Tag Bauchmuskelkater. Mal sehen, vielleicht besuche ich ihn demnächst mal wieder, aber dann werde ich meine Strategie wechseln und liegenbleiben, bis er (vielleicht) zu mir kommt...

Ich konnte leider noch schlechter mit der Kamera umgehen, deshalb ist das nachfolgende Bild des Feld- Sandlaufkäfers nicht richtig scharf - und außerdem maximal gecroppt. Aber vielleicht an dieser Stelle doch ganz interessant.

Danke Tilo und Rob!

Ingo

Profile picture for user IngaEdel
Makronist

Hallo Ingo,

die Sandlaufkäfer haben mich angefixt. Sie sehen wirklich toll aus. Leider wohne ich in einer Gegend, die diesbzüglich wenig zu bieten hat :-(

Die Arbeit auf dem Boden erfordert ihren Tribut. Ich hatte,mir gerade die Arme mit Sonnencreme eingeschmiert, als ich den Käfer erspäht habe. Nach der Sandpanade kam dann das Peeling.

Liebe Grüße

Inga

 

Profile picture for user Ingo Heymer
Makronist

Moin Inga,

hier in Oldenburg gibt`s die auch nicht wie Sand(-laufkäfer) am Meer. Man/frau muss schon herausfinden, wo sie zu sehen sind - und sich dann mit den örtlichen Gegebenheiten abfinden (Hitze!!!). Und die "Sandpanade" gehört ebenso zwangsläufig dazu wie die irritierten Blicke der Spaziergänger und Jogger*innen angesichts des maximal selbstentwürdigenden Verhaltens des Fotografen / der Fotografin (schweißgebadet im "Dreck" rumrobbend). Aber es lohnt sich. Am besten "kriegst" du sie nach erfolgreicher Jagd, wenn sie sich über ihre Beute hermachen. Dann scheint der Hunger größer als der Fluchtinstinkt. Ich wünsche dir ein Traumfoto :)

Liebe Grüße

Ingo

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