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Ökosysteme und ihre Stabilität

Von Parasiten und Insekten-Gilden

Hallo Rolf,

ich kann Deinen Unmut hinsichtlich Deiner Zuchtaktivitäten bei Schmetterlingen verstehen. Was jedoch für Dich ärgerlich ist, stellt eins der Hauptstandbeine der ökologischen Vielfalt dar – und damit der Stabilität unserer Ökosysteme. Die meisten Menschen beurteilen biologische Vielfalt anhand dessen, was sie sehen: bunte Wiesen, summende Bienen, flatternde Schmetterlinge usw. All dies spiegelt jedoch nur einen kleinen Hauch der Biodiversität dar. Das meiste Leben findet unauffällig oder sogar für uns unsichtbar statt.

Schauen wir uns das am Beispiel Parasiten an:
Betrachtet man eine (naturnahe, extensiv genutzte) Wiese, wird man verschiedene Pflanzen entdecken, unter ihnen vielleicht auch die Wiesen-Margeriten. Schaut man sich diese Margeriten genauer an, findet man wahrscheinlich Fliegen, vielleicht eine Wildbiene oder einen Schmetterling oder Käfer auf ihnen. Alle nehmen dort Nahrung auf.

Eine Margerite mit einem auf ihr sitzenden Schmetterling sind zwei Arten.

Geht man nun näher ins Detail und schaut sich das an, was wir Menschen normalerweise nicht sehen, betreten wir eine andere Ebene, kommen wir in eine andere Dimension. Im Inneren der Margeritenblüte, im sogenannten Blütenkorb, leben weitere Tiere. Häufig findet man hier die Larven von Bohrfliegen. Bohrfliegen sind kleine Fliegen mit meist auffällig marmorierten Flügeln, die sich auf einzelne oder wenige Pflanzenarten spezialisiert haben. In der Margerite werden wir auf sie spezialisierte Margeriten-Bohrfliege treffen.

Schauen wir zwei bis drei Wochen später nach, werden wir neben weit entwickelten Larven der Margeriten-Bohrfliegen zusätzlich Brackwespenlarven finden – auf Margeriten-Bohrfliegenlarven spezialisierte, kleine Wespen, die an den Bohrfliegenlarven parasitieren.

Schauen wir weitere zwei bis drei Wochen später in das Innere eines Margeriten-Blütenkorbs, finden wir zusätzlich zu den weit entwickelten, vielleicht sogar schon verpuppten Margeriten-Bohrfliegenlarven und den mittelreifen Brackwespenlarven eine kleine Erzwespenlarve. Diese Erzwespe ist als Parasit spezialisiert auf die Larve der Brackwespe, die spezialisiert war auf die Bohrfliege, die wiederum spezialisiert war auf die Margerite. Wir sprechen hier von Wirt – Spezialist – Parasit – Hyperparasit-Komplexen.

Untersucht man mehrere Margeriten-Blütenkörbe, wird man locker weit über 10 verschiedene Arten finden, die in ihnen wohnen uns sich dort in mehr oder weniger starken gegenseitigen Abhängigkeiten entwickeln – zusätzlich zu den wenigen Anfangs entdeckten Arten (Margerite und der auf ihr sitzende Falter oder Käfer...). Biologen sprechen in diesem Zusammenhang von Insekten-Gilden – komplexe, meist hochangepasste und spezialisierte Lebensgemeinschaften auf engstem Raum, in denen Spezialisten und Parasiten die entscheidende Rolle spielen. So stellt also beispielsweise das artenreiche Leben im Blütenkorb der Margeriten eine sogenannte Insekten-Gilde.

Dieses Prinzip trifft in dieser oder ähnlicher Form auf alle heimischen Pflanzen zu. Es verdeutlicht, wie weit hier die Interaktionen von Tieren zu Pflanzen und in deren weiteren Folge unter den Tieren selbst gehen.

Voraussetzung für biologische Vielfalt (Biodiversität) sind unter anderem Strukturen – also viele verschiedene Lebensraumparameter. Für einen Prachtkäfer stellt beispielsweise ein toter Ast eines Baumes eine überlebenswichtige Struktur dar. Für einen Nektar suchenden Schmetterling stellt beispielsweise eine Margerite eine Struktur dar. Für die Margeriten-Bohrfliege, die sich im Inneren der Margeritenblüte entwickelt, ebenfalls. Und für die parasitierenden Brack- und Erzwespen stellen die jeweiligen Wirtstiere eine lebensnotwendige Struktur dar. Alles zusammen macht ein reich verzweigtes und damit stabiles Netz eines intakten Ökosystems aus.

Eines der größten (vielleicht sogar das größte) aktuellen Probleme, das die Menschheit hat, ist der Verlust genau dieser intakten und stabilen Ökosysteme. Hier und da mag es beispielsweise noch "bunte" Wiesen geben, auf denen wir dann freudestrahlend ein paar flatternde Falter und summende Bienen finden. Doch dort, wo das Vielfache an Artenvielfalt stattfindet, ist weitestgehend Verarmung eingetreten. 

Zurück zu den Admiral-Raupen:
Die Parasiten in den Admiralraupen, die Du so häufig findest und über die Du Dich (aus Deiner Sicht verständlicherweise) ärgerst, sind nun nicht Bestandteil einer solchen (wie oben beschriebenen) Gilde. Aber sie gehören mit Sicherheit zu den bedeutendsten Bausteinen für die Stabilität des Ökosystems, in dem der Admiral lebt. Vielleicht ärgern sie Dich aus dieser Sicht heraus nicht mehr ganz so stark... :-).

Liebe Grüße 

Roland

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