Cyclop 1.5/85mm – Eine Nachtsichtgerät-Optik für die Vintage-Makrofotografie

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Cyclop 1.5/85mm – Eine Nachtsichtgerät-Optik für die Vintage-Makrofotografie

Sa, 21/03/2020 - 22:28
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Bei Makrotreff sind schon viele Fotos eingestellt worden, die mit dem Cyclop gemacht wurden. Schauen wir uns diese kleine Wundertüte mal ein bisschen genauer an...

Seit einigen Jahren arbeite ich mit dem Cyclop 1.5/85mm. Vielen Makronisten sind zahlreiche damit entstandene Fotos bekannt, die ich im Laufe der letzten Jahre immer mal wieder hier bei Makrotreff eingestellt habe.

Auch bei den Vintage-Makro-Workshops weiß dieses Schmuckstück zu überzeugen; von mir zur Verfügung gestellte Exemplare werden am Ende eines Workshops gerne von den Teilnehmern erworben – mit dem Ergebnis, dass mittlerweile recht viele begeisterte Vintage-Makronisten mit dem Cyclop arbeiten und regelmäßig Fotos hier einstellen. Um was für ein Objektiv handelt es sich eigentlich?

Das Cyclop 1.5/85mm – ab jetzt spreche ich nur noch kurz vom „Cyclop“ – ist der optische Bauteil eines russischen Nachtsichtgeräts. Da es für Nachtsichtgeräte grundsätzlich von Bedeutung ist, möglichst viel von dem geringen nächtlichen Licht einzufangen, werden ihre Optiken in der Regel mit hoher Lichtstärke gefertigt – und natürlich ohne Blende. Denn es macht wenig Sinn, durch Abblenden das spärlich vorhandene (Nacht-)Licht zu reduzieren. So verfügt das Cyclop über die hohe Lichtstärke von 1.5 und hat keine eingebaute Blende; es ist somit immer offen. Seine einfache Bauweise in Verbindung mit einem sehr soliden Gehäuse machen das Cyclop zu einem robusten und kompakten Objektiv.
 

Das Fehlen einer Blende ermöglicht eine schlichte, kompakte und sehr robuste Bauweise des Cyclops 1.5/85mm.
 

Die Optik

Seine Wurzeln hat das Cyclop in einem Klassiker der deutschen Objektiv-Konstruktion: Fotooptisch entspricht es dem Helios 40-2, das wiederum eine russische Kopie des legendären Biotars 1.5/75mm aus dem Hause Carl Zeiss Jena ist. Und daher stammt auch seine hervorragende optische Güte. Seine natürliche Farbwiedergabe sowie eine gute Schärfe von der Bildmitte bis etwa zu den Drittellinien des Bildes (bei Vollformat) machen es zu einer hochwertigen Optik.

Das aus Vintage-Makrofoto-Sicht Herausragende liegt jedoch – wie bei so vielen Vintage-Objektiven – in der Darstellungscharakteristik der Unschärfen im Hintergrund, also in der Wiedergabe des Bokehs. Hier zeigt es sein tolles Mal-Potential: Weiche Farbübergänge in Verbindung mit sanft betonten Kontrastkanten („Rendering“) machen es zu einem erstklassigen Pinsel in der Hand eines Fotomalers.
 

Leberblümchen (Hepatica nobilis) mit einem für das Cyclop 1.5/85mm typischen Bokeh.

Olympus E-M1 Mark II; Cyclop 1.5/85mm; f/1.5; 1/320s; ISO 64


Korkenzieher-Hasel (Corylus avellana 'Contorta') mit stark gerenderten Hintergrund-Unschärfen.

Olympus E-M1 Mark II; Cyclop 1.5/85mm; f/1.5; 1/4000s; ISO 200
 

Adaptierbarkeit und Einsatzbereich

Dem Cyclop wurde für seine Montage an das Nachtsichtgerät ein M42-Gewinde spendiert – ein idealer Anschluss für die Adaption an moderne Kameras. Mit verschiedenen im Handel erhältlichen Adaptern lässt es sich an nahezu jeden Fotoapparat adaptieren. Und: Es ist Vollformat-tauglich. Somit kann es am großen Sensor sein volles Potential zeigen.
 

Krokus (Crocus sp.); das Cyclop kann auch den "richtig wilden Pinsel" :-). Solch ein "starkes" Bokeh ist typisch für das Cyclop, wenn Licht und Strukturen das Bokeh prägen.

Sony A7 II; Cyclop 1.5/85mm; f/1.5; 1/800s; ISO 50
 

Vorsicht Falle!

Das Cyclop gibt es in mehreren verschiedenen Varianten, die insbesondere auf (Angebots-)Fotos nur schwer voneinander zu unterscheiden sind; sie verfügen über gleiche Daten und eine sehr ähnliche Bauweise. Die Gläser jedoch sind unterschiedlich – und damit das Bildergebnis.
Zum weiteren kann es bei manchen Versionen zu großen Adaptionsproblemen kommen. Beispielsweise eine Ausstülpung am hinteren Ende mancher Varianten kann gegebenenfalls große Schäden an der Kamera anrichten. Hier ist große Vorsicht geboten!
Es gibt sogar eine Version des Cyclops, die mit der nochmals größeren Lichtstärke von 1.2 (bei gleicher Brennweite) „glänzt“. Dieses Objektiv verfügt über schlechtere Gläser als das hier vorgestellte Cyclop.
 

Krokus (Crocus sp.); bei ruhigerem Licht kann das Cyclop auch sanft malen. Und dennoch zaubert das Rendering Strukturen wie zarte Pinselstriche ins Bokeh.

Sony A7 II; Cyclop 1.5/85mm; f/1.5; 1/1000s; ISO 50
 

Warum ein „gutes“ Cyclop so wertvoll ist...

Und leider gibt es noch ein „Leider“ zum Thema Cyclop: Es gehört nach meiner Erfahrung zu denjenigen Objektiven, die am stärksten von irgendwelchen Vorbesitzern verändert und/oder beschädigt wurden. Die meisten Cyclops wurden irgendwann einmal von irgendjemanden geöffnet, um sie zu säubern, Gläser zu tauschen oder einfach nur neugierig anzuschauen :-). Und viele dieser „Experten“ waren dann nicht mehr in der Lage, das gute Stück wieder korrekt zusammenzubauen. Ich habe sehr oft Linsendreher, vertauschte Linsen, ja sogar fehlende Linsen gesehen – um nur wenige dieser Glanzleistungen zu nennen.

Hinzu kommt eine große Serienstreuung innerhalb der damaligen russischen Produktion. Das alles führt dazu, dass es Cyclops mit hervorragenden und solche mit grottenschlechten optischen Eigenschaften gibt  – mit allen dazwischen liegenden Abstufungen. Am „schlimmsten“ sind dabei diejenigen Exemplare, die zwar recht gut abbilden, aber dennoch nicht ihr volles Leistungspotenzial zeigen. In diesen Fällen merkt der Makronist nicht, dass er unterhalb des eigentlich möglichen Potentials dieser hochwertigen Optik arbeitet. Einen stärkeren Schaden hingegen würde er wahrscheinlich sofort erkennen – und die Optik schnellstmöglich dankend seinem Verkäufer zurückgeben (falls eine Rücknahme-Option vereinbart war). Das Fotografieren mit leicht geschädigten oder schlechteren Exemplaren dieses tollen Objektivs endet jedoch schnell in einem großen Vintage-Makro-Frust.

All dies zusammen führt dazu, dass ich im Schnitt drei bis vier Exemplare zurück an ihre Vorbesitzer schicke, ehe ich eins behalte.

Es gilt also das Motto: Makroauge sei wachsam beim Kauf dieser Vintage-Objektivperle!

Weitere und vor allem großformatige Fotos, die mit dem Cyclop gemacht wurden, findest Du in unserer Zeitschrift MAKROFOTO Spezial – Vintage-Makrofotografie.
 

Küchenschelle (Pulsatilla vilgaris); Strukturen und Licht – dann fängt beim Cyclop die Musik an zu spielen :-).

Olympus E-M1 Mark II; Cyclop 1.5/85mm; f/1.5; 1/400s; ISO 200
 

Nun wünsche ich allen Vintage-Makronisten viel Freude mit diesem Vintage-Objektivschätzchen.

Roland
 

Roland Günter ist Betreiber von Makrotreff und Herausgeber von MAKROFOTO. Der Dipl. Forst-Ingenieur betreibt die Makrofotografie hauptberuflich und verwaltet ein umfangreiches biologisch-wissenschaftliches Bildarchiv.

Der Kern seiner Arbeit liegt in der Dokumentation biologischer Vielfalt. Zu diesem Themenkomplex werden seit vielen Jahren seine Fotos und Reportagen im In- und Ausland in vielen gängigen Zeitschriften und Buchproduktionen publiziert.

Kommentare

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Makronist

Hallo Roland,

da habe ich damals in meiner Naivität, der Zeit als ich noch Altglasnovize war, mir das falsche, das schlechte nämlich das f1.2 zugelegt.

Vielleicht nehme ich mal für ein Paar Bilder in Deinem 10 Tages Wettbewerb :-)

LG Bernhard

Profile picture for user howaldy
Makronist

Hallo Roland

Leider finde ich in der Schweiz kein einziges Angebot für dieses Objektiv. Deshalb folgende Fragen an Dich:

  • Wie hoch ist der Preis für dieses Objektiv in etwa?
  • würdest Du ein Objektiv verkaufen. Da Du der Profi bist, wäre ich auf der sicheren Seite, ein gutes zu erhalten!

Vielen Dank für Deine Antwort.

Liebe Grüsse aus der Schweiz

Yvonne  

Profile picture for user Roland
ADMIN

Hallo Yvonne,

die Preise für das Cyclop 1.5/85mm schwanken sehr stark. Sie spiegeln ein wenig die Qualitätsunterschiede wider – leider aber nur ein wenig, da es auch sehr viele hochpreisige Exemplare gibt, die dennoch fotooptisch nicht die Top-Qualität aufweisen, zu der dieses Objektiv in der Lage ist.

Ich wende mich zusätzlich mit einer Mail an Dich, weil das hier ein wenig den Rahmen von Makrotreff sprengt...

Lieber Gruß,

Roland

Profile picture for user Reinhard
Erstellt von Matthias Dange… (nicht überprüft) on Di, 07/04/2020 - 18:15 Permanenter Link

Hallo Roland,

da ich mir ein solches Objektiv aufgrund Deiner tollen Fotos gerne zulegen möchte, wäre es toll einige Tipps zu bekommen wie man nicht an das falsche Objektiv gerät (gibt es vielleicht bestimmte Seriennummern die o.k. sind o.ä.).

Über Hilfe wäre ich dankbar.

Vielleicht würde mir ja auch die Antwort die Du Yvonne aus der Schweiz gegeben hast weiterhelfen.

Vielen Dank für Deine Hilfe.

Matthia

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ADMIN

Hallo Matthias,

es ist nicht ganz einfach, KEIN falsches und vor allem KEIN schlechtes Exemplar zu bekommen. Hier gibt es keine systembezogene Unterschiede wie beispielsweise Seriennummernkreise, die einem weiterhelfen. Einige Dinge, auf die man achten kann und muss, habe ich ja oben schon beschrieben.

Eine große Schwierigkeit bei der Einschätzung der individuellen Abbildungsleistung eines Cyclops 1.5/85mm-Objektivs ergibt sich, wenn man nicht weiß, was dieses Objektiv im Idealfall leisten kann. Dann fehlt dem Käufer die Vergleichbarkeit. So gut wie alle Vintage-Objektive bilden bei Offenblende beispielsweise weniger scharf ab als moderne Objektive. Aber wie unscharf dürfen sie sein? Wie unscharf darf ein Cyclop 1.5/85mm sein? Ist das spezielle Cyclop 1.5/85mm, das ich kaufen möchte, vielleicht ein wenig unschärfer, als es bestenfalls sein darf? Diese Fragen kann man nur beantworten, wenn man die jeweiligen Vintage-Objektive genau kennt. Nur so kann man es vergleichend einordnen. Dies bedarf also ziemlich viel Erfahrung und viel Kenntnis über die betreffenden Objektive.

Übrigens: Das ist einer der Hauptgründe dafür, warum ich den Teilnehmern der Vintage-Makro-Workshops von mir gekaufte, geprüfte und für gut befundene Vintage-Objektive für die Arbeit am Praxistag zur Verfügung stelle; so können sie sicher sein, dass sie mit der relativ bestmöglichen fotooptischen Qualität üben – und diese gegebenenfalls auch käuflich erwerben können.

Diese Thema noch weiter zu vertiefen ist recht umfassend und kompliziert und würde den Rahmen hier im Makrotreff-Thread sprengen.

Solltest Du darüber hinaus noch weitere Informationen hierzu haben wollen, wende Dich bitte über unsere Kontaktmail an mich.

Liebe Grüße,

Roland

Profile picture for user Reinhard
Erstellt von Wolf Steiger (nicht überprüft) on Sa, 02/05/2020 - 13:20 Permanenter Link

Hallo Roland,

eine Frage zu Deinen wunderschönen Aufnahmen mit dem "Cyclop":

-  mit oder ohne Stativ aufgenommen ?

- wie hast Du den Schärfepunkt kontrolliert ?

Danke + Gruß

Wolf

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ADMIN

Hallo Wolf,

ich habe alle Fotos ohne Stativ und damit freihand aufgenommen.
Ich benutzte sehr selten bei meiner Fotografie ein Stativ, meist nur bei längerem Einsatz von sehr schweren Objektiven, z.B. bei lichtstarken, langbrennweitigen Teleobjektiven, die mehrere Kilogramm wiegen. Ansonsten bin ich da eher etwas faul und puristisch veranlagt; ich schleppe nicht gerne so viel mit mir rum :-).

Den Schärfepunkt finde und kontrolliere ich, wenn möglich, über den Sucher. Das heißt, bei Aufnahmepositionen, wo dies möglich ist, nehme ich die Kamera ans Auge und fotografiere "klassisch" über den Sucher. Je nach Situation fahre ich hierbei entweder mit der ganzen Kamera langsam vor und zurück, bis der Schärfepunkt sitzt, oder ich stelle die Schärfe über das Fokusrad ein. Auf diese Weise kann ich am besten optisch die Schärfe kontrollieren. Ich sehe, wann die Schärfe dort liegt, wo ich sie haben möchte – ohne weitere Hilfsmittel wie beispielsweise Hervorhebung von Kontrastkanten (Focus Peaking), Piepton, Farbsignal oder sonstiges.
Ist es aufgrund beispielsweise einer niedrigen Perspektive (z.B. Kamera dicht über einer Wasserfläche, ohne selbst ins Wasser zu steigen :-)) nicht möglich, durch den Sucher zu schauen, stelle ich über das Display scharf – in erster Linie wieder optisch (ich erkenne also, wann die Schärfe wo liegt), hierbei zum Teil aber auch unter Zuhilfenahme von Focus Peaking.

Scharfstellen durch Erkennen, wo der Schärfepunkt liegt, kann insbesondere beim Einstieg in die manuelle Schärfeeinstellung recht schwierig sein. Hier hilft jedoch in der Regel Übung. Mit der Zeit lernt man, wo man wie den jeweiligen Sucher oder das jeweilige Display anschauen und interpretieren muss, damit die Schärfe punktgenau sitzt. Mag komisch klingen, geht aber in der Tat recht schnell.

Lieber Gruß,

Roland

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